Altersvorsorgedepot: Was hält der Hoffnungsträger?
- Sonja Uhlmann
- 10. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Deutschland bekommt nach 25 Jahren endlich eine moderne Alternative zur Riester-Rente. Das Altersvorsorgedepot klingt vielversprechend — ETFs, staatliche Förderung, weniger Bürokratie. Aber wie gut ist die Reform wirklich?
Wo stehen wir gerade?
Das Altersvorsorgedepot (kurz: AV-Depot) ist beschlossen — zumindest fast. Der Bundestag hat am 27. März 2026 grünes Licht gegeben, die Zustimmung des Bundesrats steht noch aus. Geplanter Start ist der 1. Januar 2027. Hier die wichtigsten
Meilensteine auf einen Blick:
Sep. 2024
FDP legt ersten Entwurf vor — scheitert mit dem Ampel-Koalitionsbruch.
Dez. 2025
Neue Regierung (CDU/CSU + SPD) bringt Gesetzentwurf ins Kabinett.
27. März 2026
Bundestag beschließt die Reform — inklusive deutlich erhöhter Förderung.
Mai 2026 (geplant)
Bundesrat soll zustimmen. Erst danach ist das Gesetz in Kraft.
1. Jan. 2027
Anbieter dürfen Depots vertreiben — staatliche Zertifizierung erfolgt nachgelagert.
Bundestag: beschlossen ✓ Bundesrat: steht aus Start: erst 2027
Was das AV-Depot besser macht als Riester
Die Riester-Rente war teuer, renditeschwach und bürokratisch. Das AV-Depot räumt mit den größten Konstruktionsfehlern auf:
ETFs statt Garantiefonds
Keine Pflicht zur Beitragsgarantie mehr — Anleger können jetzt bis zu 100 % in Aktien-ETFs investieren.
Mehr staatliche Förderung
Bis zu 540 € Zulage pro Jahr: 50 % auf die ersten 360 €, 25 % auf weitere Einzahlungen bis 1.800 €.
Mehr Flexibilität
Beiträge können jederzeit erhöht, gesenkt oder pausiert werden. Auch Selbstständige sind jetzt förderberechtigt.
Steuerfrei in der Ansparphase
Keine Abgeltungsteuer, keine Vorabpauschale — Kapitalerträge wachsen ungestört bis zur Rente.
Frühstart-Rente
Kinder ab 6 Jahren bekommen 10 € staatliche Förderung pro Monat — automatisch, unabhängig von den Eltern.
Rechenbeispiel: Wer mit 20 Jahren anfängt und 100 € monatlich einzahlt, könnte laut einer Growney-Berechnung im Rentenalter eine monatliche Auszahlung von rund 2.700 € erhalten — inklusive staatlicher Förderung und Zinseszinseffekt. Natürlich noch nicht inflationsbereinigt ;)
Was noch nicht geklärt ist
So vielversprechend das AV-Depot klingt — zahlreiche Details sind noch offen oder sorgen für Fragezeichen:
? Staatliches Standarddepot: wie & wann?
Die öffentliche Variante ist angekündigt — aber wann und wie sie konkret umgesetzt wird, ist völlig offen.
? Tatsächliche Kosten der Anbieter
Der Deckel liegt bei 1 % Effektivkosten. Ob Anbieter darunter bleiben oder ihn ausreizen, entscheidet sich erst im Markt.
? Auszahlungsmodalitäten
Lebenslange Rente oder Auszahlungsplan bis 85? Die genaue Ausgestaltung der Rentenphase fehlt noch.
? Frühstart-Rente im Detail
Sie wird in einem separaten Gesetz geregelt, das erst 2026 verabschiedet werden soll. Vieles kann sich noch ändern.

Warum das AV-Depot trotzdem nicht reicht
Das AV-Depot ist eine sinnvolle Ergänzung — aber es schließt die deutsche Rentenlücke nicht. Mehrere strukturelle Probleme bleiben bestehen:
Die gesetzliche Rente allein reicht für die meisten Menschen nicht aus, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Studien beziffern die Rentenlücke für reiselustige oder konsumfreudigere Rentner auf bis zu 365.000 Euro über die gesamte Rentenzeit. Das AV-Depot kann helfen — aber nur wenn man früh beginnt, regelmäßig einzahlt und günstige Produkte wählt.
Das Problem: Niedrigverdiener, Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, Teilzeitkräfte und Späteinsteiger profitieren deutlich weniger. Wer mit 45 oder 50 anfängt, hat schlicht zu wenig Zeit, um den Zinseszinseffekt wirklich auszuschöpfen.
Dazu kommt: Die Auszahlungen aus dem AV-Depot werden mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert — nicht wie ein klassischer ETF-Sparplan nur mit 25 % Abgeltungsteuer auf die Erträge oder wie in einer Depotpolice mit nochmals reduzierter Besteuerung. Je nach Steuersatz im Rentenalter kann das für bestimmte Personengruppen ein Nachteil sein.
Und schließlich: Das AV-Depot ist ein freiwilliges Instrument. Wer es nicht nutzt — aus Unwissenheit, Gleichgültigkeit oder weil das Geld fehlt — geht leer aus. Einen automatischen Standardvorsorgevertrag, wie er in Schweden existiert, gibt es in Deutschland nicht.
Fazit
Das Altersvorsorgedepot ist die beste Reform der privaten Altersvorsorge seit Jahrzehnten. Es beseitigt die schlimmsten Fehler der Riester-Rente, öffnet den Kapitalmarkt für breite Bevölkerungsschichten und setzt mit der Frühstart-Rente einen wichtigen Impuls für die nächste Generation. Trotzdem ist es kein Allheilmittel: Wer im Alter gut leben will, muss früh anfangen, selbst aktiv werden, günstige Anbieter wählen — und das AV-Depot als einen von mehreren Bausteinen einer umfassenden Altersvorsorge verstehen.




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